Turnverein Lahr v. 1846 e.V.

Chronik

Chronik

Zur Geschichte des Turnvereins Lahr von 1846 e.V.

Historischer Hintergrund

Die Gründung des Turnvereins Lahr fällt in die politisch sehr bewegte Zeit des „Vormärz“. Der Ruf nach Demokratie, persönlicher Freiheit und Gleichheit aller Menschen hallte durch ganz Deutschland und verunsicherte und provozierte immer wieder die Staatsmacht, die daher mit Argusaugen das Verhalten ihrer Untertanen beobachtete. Demokratische Strömungen waren, nach den Erfahrungen der Französischen Revolution von 1789 und den Unruhen von 1830 den herrschenden Häusern äußerst suspekt, stellten sie doch die Autorität der Fürsten und deren Gottgegebenheit in Frage. So blieb auch der 1846 gegründete Turnverein Lahr über weite Strecken immer im Visier der Regierenden.

Für uns heute ist diese Zeit nur schwer vorstellbar. Wir sind so sehr an demokratische Spielregeln und Verhaltensmuster gewöhnt, dass wir sie als gegeben hinnehmen und nicht mehr hinterfragen. Bedeutete Verein früher, dass sich Gleichgesinnte unter einem bestimmten und bestimmenden Leitbild zusammenfanden, so steht auch der Turnverein Lahr heute vor der Vielzahl verschiedenster, oft divergierender Einzelinteressen. Auch die geringer gewordene Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, beklagen wir heute. Dabei wissen wir, dass solch ein Engagement zu Ansehen und innerer Zufriedenheit beiträgt.

Diese Verschiebungen in der Wertschätzung des Vereins und seine neue Wertigkeit als Dienstleister führen konsequenterweise zu einem größeren Fortbildungsmuss der Übungsleiterinnen und Übungsleiter sowie zu neuen Strukturen in Verwaltung und Gesamtmanagement.

Karl Dorners Referat

Der Ehrenvorsitzende des Turnvereins Lahr, Karl Dorner, hielt beim Neujahrsumtrunk am 06. Jan. 1996 anlässlich des 150jährigen Bestehens des Turnvereins Lahr eine viel beachtete Rede mit dem Titel „Zwei Jahrhunderte Turnen in Deutschland – 150 Jahre Turnen in Lahr“.

Er führte aus:
„War Friedrich Ludwig Jahn der Turnvater? War er es immer? Hat er das Turnen „erfunden“ oder war er Glied einer Kette?

Leibesübungen gab es seit undenklichen Zeiten. Sie waren jedoch den oberen Schichten vorbehalten, waren ein Instrument der Ausübung von Herrschaft. Im alten Griechenland erst waren die Olympischen Spiele zum ersten Mal für alle frei geborenen Griechen offen. Im Mittelalter gab es die dem Adel vorbehaltenen Turniere, in Städten auch schon Leibesübungen für das Bürgertum, beschränkt allerdings auf Fechten, Ringen und Schießen, bei Festen auch Laufen, Springen, Steinstoßen.

Mit Beginn der Neuzeit vom 16. Jahrhundert an ordneten die Humanisten Leibesübungen teilweise schon in Erziehungspläne ein, in bescheidenem Rahmen allerdings. Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert kam der Aufschwung. Die so genannten Philanthropen, die für die Erneuerung der Erziehung auf der Grundlage einer vernünftigen, naturgemäßen Lebensführung standen, stellten die Verbindung des Kampfes um geistige Unabhängigkeit zur Leibesübung her. Sie wollten diese breiteren Schichten zugänglich machen. In Dessau wurde 1774 von Bernhard Basedow die erste philanthropische Erziehungsanstalt gegründet. Die Disziplinierung des Körpers nach antiken Vorbildern wurde angestrebt.

Nun trat der Mann auf, der bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts als der Begründer des Turnens angesehen wurde: Johann Christoph Guts Muths. Er hat den Grundstein für das Schulturnen gelegt, veröffentlichte sein Werk „Gymnastik für die Jugend“. Jahn hat sich in dem populären Werk „Die Deutsche Turnkunst“ auf ihn berufen. Das konnte er auch, denn sein Erziehungsziel, der „bloß einseitigen Vergeistigung“ die Leibhaftigkeit zuzuordnen, unterschied sich kaum von dem der Philanthropen. Bei beiden finden wir außerdem ein Sich-Öffnen zur Gesellschaft, das durchaus als Anfang eines Demokratisierungsprozesses bezeichnet werden kann.

Wir sehen, Jahn ist nicht der „Erfinder“ des Turnens sondern vorläufig letztes Glied einer Kette. Bis zur Reichsgründung 1871 wurde Guths Muths von den Turnern als Begründer des Turnens verehrt. Er trat erst mit der Reichsgründung ganz hinter Jahn zurück. Und das hatte seinen Grund.

Turnvater Jahn

Für Jahn war das Turnen schon in den Anfängen recht bewusste Wehrertüchtigung. Sein „Vaterländisches Turnen“ war ein Wehrturnen. Einer seiner Schüler namens Dürre führte aus: „Bei Jahn ging alles auf Abhärtung, Bedürfnislosigkeit, Vorbereitung auf die Erhebung des Volkes von der Franzosenherrschaft und Ermannung für den Wehrstand hinaus.“ Wollen wir Jahn verstehen, müssen wir ihn als Sohn der Zeit vor und während des Freiheitskrieges sehen, als Mann, der einen wesentlichen Teil seiner Gedanken aus der Grundidee des Volkstums entwickelt hat. Dass seine Ideen auf so fruchtbaren Boden fielen, verdankt Jahn der Gunst der geschichtlichen Stunde – der Vorbereitung auf den Freiheitskrieg 1813.

Welch eine Zeit! Die Französische Revolution hatte die Idee von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit unter die Menschen gebracht. Dann: Napoleon eroberte Europa. Mit seiner Gunst bildeten sich Königreiche und Großherzogtümer. Das Bürgertum erhob Anspruch auf Mitgestaltung im Staat. Grundrechte und Gewaltenteilung galten als Revolutionsziele. Schließlich musste man erkennen, dass die ungeheure Machtexpansion, die mit der Französischen Revolution verbunden war, nur mit ihren eigenen Mitteln überwunden werden konnte, mit dem Schwert.

So wuchs in den Jahren der französischen Fremdherrschaft notwendigerweise ein aggressiver, militanter und revolutionärer Nationalismus in den deutschen Ländern. Jahn stand mit in der vordersten Reihe. Er rüttelte nicht nur die Jugend zur Abwerfung der Fremdherrschaft auf und nahm dabei das Turnen zur Hilfe, er vertrat auch mit Leidenschaft die Forderung nach Erziehung des Menschen zum mündigen Staatsbürger, forderte die Abschaffung der Adelsprivilegien, die Beseitigung von Unterdrückung jeder Art bis hin zur Abschaffung der Prügelstrafe in der Armee und die Pflege der Muttersprache. Hier wird deutlich, dass das frühe Turnen eindeutig in den Dienst von Politik gestellt war. Jahn war nicht nur ein Turnvater, sondern ein politischer Führer, dessen oberstes Ziel Gerechtigkeit war, der die Freiheit der Deutschen von der Herrschaft Napoleons mit glühender Begeisterung anstrebte.

Er war ein faszinierender Mann. Zeitgenossen schildern ihn als unbequem, oft grob dreinfahrend, ein Abweichler in Sprache, Kleidung, Lebensführung, mit schockierenden Naturburschen-Allüren, die er in einer spießigen Umwelt bewusst zur Schau trug; ein Querkopf, der anecken wollte und der auf diese Weise Bewusstseinsbildung betreiben wollte (erinnert das nicht alles ein wenig an Gestalten aus den 80er Jahren unseres Jahrhunderts ? ). Auf jeden Fall verdient dieser junge Jahn im Alter von 25 bis 40 Jahren unsere Bewunderung und kann Vorbild für die Jugend sein.

Die Geschichte verlief anders, als Jahn sie erträumte. Napoleon wurde entmachtet, aber die Ideale der Freiheitskämpfer auf dem Wiener Kongress wurden verraten. Die restaurative Politik eines Metternich gewann die Oberhand. Jahn gehörte zu den tief Enttäuschten. Besonders die Nichteinhaltung des Zieles, liberal-konstitutionelle Verfassungen einzuführen, verbitterten sie. Jahn, der mit vielen Turnern, u.a. Karl Friesen, der dem Lützow’schen Freikorps beigetreten war, schrieb: „Ich habe das Schwert nicht gezogen, um Ruhm zu erkämpfen, sondern für die Freiheit und Einheit des deutschen Vaterlandes“. Sein Traum vom Nationalstaat wurde erst 1871 erfüllt.

Nach dem Ende des Freiheitskrieges bekam das Turnen zunächst einen anderen Zuschnitt. Waren Studenten schon vorher die tragenden Säulen von Jahns Turnerschar gewesen, so wurde dies jetzt noch deutlicher. Der „Burschenturner“ wurde geboren. 1816 wurde eine gesamtdeutsche Turnorganisation von Jahn und seinen Freunden geschaffen. Was politisch nicht gelungen war, sollte von den Burschenschaften auf den Universitäten vorbereitet werden: der deutsche Nationalstaat.

Jahn wurde zum Nationalisten, vom Hass gegen alles Fremdländische geprägt, vor allem gegen die Franzosen. 1817 verbrannten seine Burschenturner auf dem Wartburgfest u.a. missliebige Bücher. 1819 ermordete der Burschenturner Karl Sand in Mannheim den Schriftsteller Alexander von Kotzebue. Auf der Grundlage der Karlsbader Beschlüsse wurde das Turnen hierauf verboten. Jahn wurde unter Hausarrest gestellt.

Die Karlsbader Beschlüsse aber signalisierten die endgültige Hinwendung zur Restaurations-Politik; verraten wurden die Ziele und Erfolge des Freiheitskrieges.

Die Zeit des Biedermeier begann, brachte Schnüffelei und Duckmäusertum. Was in Zeiten der Not als vaterländisch gegolten hatte, wurde jetzt politisch verdächtig.

Es kamen schwere Zeiten für Jahn. Das Turnen war verboten. 1819 wurde er vom Krankenlager zweier Kinder weg verhaftet, nach fontdau, dann nach Küstrin und endlich in die Berliner Hausvogtei gebracht. Er wurde angeklagt wegen Verbreitung der gefährlichen Lehre von der Deutschen Einheit, 1820 aber freigelassen. Er musste jedoch in den Mauern der Festung Kolberg wohnen. 1824 wieder angeklagt, wurde er zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, im März 1825 aber wieder freigelassen. Er blieb jedoch unter Polizeiaufsicht.

Einmal aus der Bahn seines Wirkens geworfen, fand sich Jahn nicht wieder in sie zurück. Er musste in Freyburg an der Unstrut wohnen, heiratete dort nach dem Tod seiner ersten Frau und zweier Kinder noch einmal. Die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens entbehren besonderer Leistung und Bedeutung.

1840 wurde die Turnsperre aufgehoben. 1842 erkannte König Wilhelm IV. von Preußen die Leibesübungen als notwendigen Teil der Erziehung an. Eine gewaltige Entwicklung setzte ein. Turnvereine bildeten sich in allen deutschen Ländern. Sie waren auch Diskussionsstätten über staatliche und gesellschaftspolitische Ziele und nicht einheitlich geprägt. Seit 1842 traten Angehörige bürgerlicher und kleinbürgerlicher Schichten in die Vereine ein, nach 1845 besonders Handwerksgesellen und auch erste Arbeiter.

Gründerjahre

Es kam die Zeit des Vormärz, die zur Revolution von 1848 führte. 1846 wurden besonders viele Turnvereine gegründet, zwölf alleine in Baden, darunter der Turnverein Lahr. Wilhelm Schubert ist einer der Feuergeister, die die Flamme zum Brennen bringen. Leider gibt es keine Unterlagen aus dem Jahre 1846 selbst über die Gründungsvorgänge. Briefe und Zeitungsanzeigen aus 1847 belegen jedoch das Gründungsjahr 1846. Auch Unterlagen über die soziale Schichtung und die politische Motivation der Gründungsmitglieder fehlen. Wir können alles nur an Wilhelm Schubert messen, der sich, durchaus im Jahn´schen Sinne, für ein einiges und besseres Deutschland einsetzte. Und das war noch immer mit Gefahren verbunden.

Zunächst zum Lahrer Bürgermeister gewählt, muss er, nachdem die Preußen in Lahr eingerückt waren, nach Straßburg fliehen. Er stellt sich aber 1850 in Lahr und wird zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Später widmet er sich seiner privaten Existenz. Dennoch wird er 1863 als Landtagsabgeordneter in die Badische Kammer berufen.

Der Lahrer Turnverein selbst hat nach 1846 Anfangsschwierigkeiten zu überwinden, wie das oft bei Neugründungen der Fall ist. Es entstand sogar kurzfristig ein zweiter Turnverein. 1848 ist aber alles wieder bereinigt. Doch 1849 wird der Turnverein Lahr verboten. Er war politisch suspekt. Die anderen Turnvereine im Lande erleiden das gleiche Schicksal. Wieder einmal haben reaktionäre Kräfte über eine fortschrittliche Entwicklung gesiegt.

In den folgenden Jahren kommen die Turner dennoch zusammen. In Lahr bleibt Schubert trotz aller Wirren einer der geistigen Führer. Fast könnte man von einer Untergrundarbeit sprechen.

Erst nach einem Jahrzehnt, nämlich am 17. und 18. Juni 1860, war die Zeit für das Turnen in Deutschland wieder reif. Aufrufe ergingen. In Coburg war die gesamte deutsche Turnerschaft vertreten. Umfassende Leibesübungen für alle Bürger wurden zum Leitbild.

Jahn hatte 1852 die Augen für immer geschlossen. Er war 75 Jahre alt geworden. In Freyburg wurde über seinen Gebeinen eine Ehrenhalle errichtet. Neben ihr erhebt sich das Jahn-Museum. Obwohl Jahn die rasante Entwicklung, die das Turnen nach Coburg nahm, nicht mehr erlebte, kam seine große Zeit mit der Reichsgründung 1871. Fortan wurde nicht mehr Guths Muths sondern Jahn als Turnvater angesehen, wurde er gefeiert als Vorläufer des Reichsgedankens, bei den Turnern als Kämpfer für den Nationalstaat. Seine Volkstumsideen wurden von den meisten Turnern gierig aufgesogen und waren bis weit in unser Jahrhundert hinein bei vielen Turnvereinen beheimatet.

Der einsetzende Kaiserkult auch innerhalb der Turnerschaft und ihre Unterstützung der Bismarck’schen Innenpolitik im Kampf gegen die Sozialdemokratie verhinderte die Beteiligung weiter Kreise der Arbeiterschaft in den Turnvereinen, aber auch die schlichte Tatsache, dass die meisten Arbeiter die Beiträge für die Turnvereine nicht aufbringen konnten. 1893 bildete sich aus diesen Gründen der Arbeiterturnerbund, dessen erklärter Gegner der Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft Ferdinand Götz war.

Auch gegenüber der in den 80er Jahren aufkommenden Sport- und Spielbewegung verhielt sich die DT-Führung sehr reserviert. Sport, von England kommend, stand im Geruch der „Ausländerei“. In jahrzehntelangen Rückzugsgefechten musste die Deutsche Turnerschaft schließlich die Sportbewegung akzeptieren und ihren Leichtathletik-, Schwimm- und Spielabteilungen 1910 den Eintritt in die entsprechenden Fachverbände gestatten.

Die deutsche Turnerschaft ging nun einen Weg, den jeder von uns anders beurteilen mag. Für mich ist es ein katastrophaler Weg. Er führte zum Deutschen Turnfest 1933 in Stuttgart, bei dem sich die Turner an die Nazis verkauften, so dass die Deutsche Turnerschaft dann 1935 in Coburg aufgelöst werden konnte. Sie wurde in den „Reichsbund für Leibesübungen“ eingegliedert.

Nun wieder zurück zum TV Lahr. Während der Turnsperre von 1849 – 1860 gibt es den TV Lahr offiziell nicht mehr. Aber die Turner treffen sich. So kann bereits am 10. Juli 1860 in Lahr die Widergründung erfolgen. Vorsitzender wird C. Steinmann, der schon bei der ersten Gründung im Vorstand war. Eine Turnordnung wird bereits am nächsten Tag erlassen, war also von langer Hand vorbereitet. Geturnt wird auf dem Übungsplatz des Pompierkorps. 1862 zählt der Verein bereits 160 Mitglieder. Er nimmt regelmäßig an Turnfesten teil und hält selbst welche ab. Mit der Stadt wird ein Pachtvertrag für die Schanz abgeschlossen, wo geturnt wird. 1868 stiften „zahlreiche Jungfrauen und Ehefrauen von Turnern“ eine Fahne, für die sie 345,60 Gulden gesammelt hatten. Sie durften dafür zum ersten Mal als Gäste mit in den Saal des „Rappen“ kommen. Es soll ein großes Ereignis für die Damenwelt gewesen sein. Gymnasiallehrer Steinmann, der Vorsitzende, auch als Turnvater von Lahr bezeichnet, hält eine Festrede. Anschließend spricht der Dichter Friedrich Gessler. Beide Reden sind voll vom Pathos jener Jahre.

1861 findet ein großes „Kreisturnfest“ in Lahr statt, an dem sich 35 Turnvereine beteiligen. Die sind des Lobes und Dankes voll, wie Zeitungsanzeigen beweisen. Wieder gibt es Reden von Steinmann und Gessler. Die Deutschtümelei strebt ihrem Höhepunkt zu, der Stand in „Wehr und Waffen“ wird verherrlicht, und nur in einem gesunden Körper kann nach Steinmann auch ein gesunder Geist wohnen.

Neues Jahrhundert

Im Jahr 1900 wird in Lahr eine Frauenabteilung gegründet. 40 Frauen treten spontan ein. Der Verein entwickelt sich kontinuierlich weiter.

1906 gründet sich auch in Lahr der Arbeiterturnerbund. Die sehr allgemein und neutral gehaltene Satzung wird dem Bürgermeister mit der Bitte um Überlassung einer Turnhalle vorgelegt. Dieser leitet den Antrag zunächst pflichtgemäß an die Ortspolizei weiter, von wo prompt eine ablehnende Stellungnahme kommt. Begründung von Polizeikommissar Landrißer „….dass der größte Teil der Vorstandsmitglieder wie auch der sonstigen Mitglieder Anhänger der sozialdemokratischen Partei sind“…. .

Es gereicht dem damaligen Bürgermeister Hermann Schweikhardt, der zugleich der Vorsitzende des TV Lahr ist, zur hohen Ehre, dass er dem Arbeiterturnerbund die Turnhalle der Friedrichschule dennoch überlässt. Er hat damit gegen den Zeitgeist gehandelt und ist in meinen Augen ein herausragender Vorsitzender. Er stirbt 1916.

Die restlichen zwei Kriegsjahre nach Schweikhardts Tod werden von Karl Meister überbrückt, ehe 1919 Dr. Paul Waeldin an die Spitze dessen tritt, was der Krieg vom TV Lahr übrig gelassen hat.

Eine neue Ära beginnt. 1922 fahren schon 200 Lahrer Turner und Turnerinnen zum Deutschen Turnfest nach München – eine heute fast unvorstellbare Zahl. 1923 wird die jährliche Götzwanderung eingeführt. Am 1. Januar 1924 wird der 1. Neujahrsumtrunk der Männerriege abgehalten. 1926 wird am Hohbergsee ein Gelände für einen Sportplatz erworben und dieser ausgebaut. 1928 wird die Handball-Abteilung gegründet, 1930 die Fechtabteilung mit Florett und Degen.

Schwere Zeiten

In der schweren Zeit zu Beginn der 30er Jahre werden die Nazis immer stärker. Dies kommt auch im Turnrat zum Ausdruck. Politische Auseinandersetzungen bleiben nicht aus. Noch gibt der Erzdemokrat Paul Waeldin an der Spitze des Vereins diesem Halt. Ihm ist der Hurra-Patriotismus im neuen Gewand suspekt. Die Stunde, in der er Größe beweist, kommt im Sommer 1932.

Ohne sein Wissen haben Vorstandsmitglieder den Sportplatz am Hohbergsee den Nazis für einen Feldgottesdienst zur Verfügung gestellt. Es müssen tiefgehende Auseinandersetzungen gewesen sein, zu denen es daraufhin kam. Paul Waeldin musste aufgeben, die Nazis waren bereits zu stark. Demonstrativ legte er den Vereinsvorsitz nieder, mit ihm sein Stellvertreter, der „Herr Rat Göhringer“, ein populärer Lahrer Bürger und Rechtsanwalt. Beide Männer haben gegen den Zeitgeist gehandelt. Ihr Mut und ihre konsequente Haltung sollen auch heute nicht vergessen sein.

1933 sind es wieder rund 200 Mitglieder, die zum deutschen Turnfest fahren, diesmal nach Stuttgart. Karl Römer, unser Chronist, der alles noch miterlebt hat, schreibt dazu: „Sie kehrten begeistert und tief beeindruckt aus Stuttgart zurück. Es waren ja auch stolze Worte, die der Reichssportführer von Tschammer und Osten den hunderttausenden gläubiger junger Turner zurief: Wer die deutsche Turnerschaft angreift, greift Deutschland an.“ Wir Heutigen fragen uns, wie man von solch törichten Phrasen begeistert sein konnte. Römer weiter: „Erst nach Jahren, als wiederum die Elite der deutschen Turnerschaft gläubig hinauszog, um für das Vaterland zu sterben, begann man zu ahnen, wohin der Weg führen würde“.

Es ist keine Frage, dass sich das Turnen in der Nazizeit stürmisch entwickelt. Man denke an die Signalwirkung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, als die deutschen Turner Weltspitze waren, unter ihnen Hans Pluda, der nach dem Krieg als einer der Unseren in Lahr lebte. Wir haben eine exzellente Leistungsriege unter Emil Alexander, dem Oberturnwart. Es bildet sich eine Skiabteilung unter unserem Erich Göhringer, die keine Aufgabe scheute.

Das Frauenturnen wird immer beliebter. Rückgrat des Vereins aber ist die Männerturnriege, der viele hervorragende Lahrer Persönlichkeiten angehören. Der Krieg macht 1939 alles zunichte. Die Zahl der Turner, die nicht mehr heimkehren, ist nie genau bekannt geworden. Nach dem Krieg wird in der amerikanischen und in der englischen Besatzungszone die Gründung von Turnvereinen früher erlaubt als hier in der französischen Zone.

Nachkriegszeit

So kommt es zum ersten deutschen Turntag am 23. August 1948 in der Frankfurter Paulskirche. Hier gliedert sich der Arbeiterturnerbund in den Deutschen Turnerbund ein – die deutsche Turnbewegung geht damit einen neuen Weg. Der Pluralismus hat sich durchgesetzt. Bald darauf wird der Sozialdemokrat Walter Kolb Vorsitzender des Deutschen Turnerbundes, was in früheren Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre.

Was nach dem Krieg in Lahr war, haben viele miterlebt. Das Turnen ist verboten. Natürlich auch das Fechten. Einen Turnverein darf es nicht geben, Turnspiele hingegen werden bald erlaubt. So wird bald Handball und Faustball gespielt.

Alle früheren Sportvereine werden in „Sportfreunde Lahr“ zusammengefasst. Vorsitzender wird unser Turnbruder Karl Wickert. Albert Juckel, Erich Göhringer, Hermann Zeh, Ilse Käsinger, Emil Batschauer und Albert Dilger stehen mit in der Verantwortung.

Am 7. Januar 1950 wird der TV Lahr wieder gegründet. Dr. Heinrich Friedrich wird im „Falken“ einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Er bleibt es 21 Jahre lang.

Es geht aufwärts! Nicht nur eine Leistungsriege der Männer, auch eine solche der Frauen ist erfolgreich. Die Faustballer unter Wilhelm Gaiser führen jährlich „Schwarzwaldschildspiele“ durch. 1954 wird die Vereinszeitung gegründet. Für das ausgefallene Hundertjährige wird das 110-jährige Jubiläum gefeiert. Dr. Friedrich stiftet die neue Vereinsfahne. Der Verein zählt bald 1500 Mitglieder.

Die letzten Jahre bis zur Feier des 125-jährigen Jubiläums 1971 bringen viele Fortschritte. Das Frauenturnen entwickelt sich stürmisch. Herbert Schmidt gründet eine Jugendgruppe, die den Verein bei Veranstaltungen repräsentiert sowie die später so erfolgreiche Abteilung für Orientierungslauf. Die Tischtennisspieler unter Erich Zahler werden eine feste Größe im Verein, ebenso die Fechter unter Wilfried Jockheck. Die Handballer sind unter Eugen Fässler erfolgreich, das gleiche gilt für die Leichtathleten.

Turnverein im Wandel

Im Turnen findet ein Wandel statt. Die Leistungsturner sind älter geworden. Nachwuchs fehlt. Es bilden sich drei Männerriegen, bei denen das Turnen an Geräten nicht mehr gepflegt wird. Die stärker werdenden Abteilungen treiben Gymnastik, machen Ballspiele und gestalten gemeinsam Freizeitunternehmungen.

Das Wort von der „sozialen Heimat Turnverein“ wird populär. Die Mittwochwanderer (MiWa) entstehen aus der früheren Männerriege. Auch bei den Frauen bilden sich drei Abteilungen, die am Montag, Mittwoch und Donnerstag ihre Übungsabende haben. Noch mehr als bei den Männern steht die gesundheitsbewusste Gymnastik im Vordergrund. Dazu gelingt auf weiblicher Seite das, was den Männern nicht möglich ist: das Leistungsturnen bleibt erhalten und kommt unter Petra Ludwig zu hoher Blüte.

Eine weitere Abteilung „turnt“ seit Ende der 60er Jahre: die Rhythmische Sportgymnastik, von Traudel Bothor in Lahr gegründet, macht in ganz Baden und weit darüber hinaus von sich reden, und dies bis auf den heutigen Tag. So haben Frauen und Mädchen das Leistungsturnen im TV Lahr gerettet. Als weiterer Turnkampf wird aber auch das Trampolinturnen gepflegt, wenn auch zur Zeit nicht so hochkarätig.

Nach 21 erfolgreichen Jahren legt Dr. Friedrich 1972 den Vorsitz in die Hände des bewährten Eugen Landerer. Ihm sind aus Gesundheitsgründen nur vier Jahre Amtszeit beschieden. 1976 wird Karl Dorner Vorsitzender, 1993 Rolf Kopf. Die Oberturnwarte in der Nachkriegszeit waren die Säulen des Vereins, angefangen von Emil Alexander über Erich Göhringer, August Benz, Arthur Jenne, wieder Erich Göhringer und schließlich Oskar Boos. Dieser stirbt überraschend ein Jahr, bevor er seine größte Aufgabe anpacken kann: das 38. Badische Landesturnfest in Lahr, bei dem er als Festwart mit Regie führen sollte. Adolf Kohler, der frühere Handballer und Faustballer, springt ein. Das Landesturnfest 1980 in unserer Stadt wird zum unvergesslichen Erlebnis.

Heute haben wir eine Oberturnwartin: Gerlinde Marquardt. 1985 kaufen und renovieren wir zum Teil in Eigenarbeit das Henkerhiisli, das wir zehn Jahre zuvor angemietet hatten. Kauf und Reparatur kosten zusammen 200.000 DM. Als 1993 der Wechsel im Vorsitz Dorner/Kopf erfolgt, ist die Schuld getilgt. Der Verein ist schuldenfrei!

Vieles gäbe es noch zu sagen über den heute 1700 ?? (Sind es inzwischen nicht 1900?) Mitglieder zählenden Verein und über die letzten Jahre. Wir sehen, dass das Leben im Verein blüht, dass wir nicht vor neuen Trend-Sportarten wie Aerobic, Fitness-Power, Joyrobic, Callannetics und anderen Formen zurückschrecken, dass wir gesundheitsorientierten Sport betreiben wie Wirbelsäulengymnastik oder Sport nach Krebs und dass wir damit auf der Höhe der Zeit sind…………

Zum Schluss noch eine wichtige Bemerkung:

Wir haben uns 1977 eine neue Satzung gegeben. Einer der wichtigen Absätze lautet: „Der TV Lahr versteht sich als Wahrer turnerischer Tradition und ist dem Amateurgedanken verpflichtet.“

Und der andere wichtige Absatz? Er beantwortet die Frage, wo der TV Lahr nach dem Auf und Ab der ersten hundert Jahre seiner Existenz heute gesellschaftspolitisch steht: „Er (der TV Lahr) fordert von seinen Mitgliedern die Anerkennung der Menschenrechte, übt parteipolitische Neutralität, religiöse und weltanschauliche Toleranz und bekennt sich zum Staat demokratischer Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.“

Der Kontrast zur Geschichte wird deutlich.

“Wir sind ein Verein zum Wohlfühlen, ein Verein, der die Traditionen wahrt, zu ihnen steht und doch dem Fortschritt verpflichtet ist. Lasst uns diesen Verein lieben, der so ehrwürdig alt geworden und dennoch jung geblieben ist.“